Remo Grolimund

Remo Grolimund ist Historiker, forscht als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der ETH Zürich zur Umwelt- und Wissensgeschichte und publiziert als freier Autor zu Themen mit Schwerpunkt Schweizer Geschichte, Geschichte der Gegenwart und Public History. Ausserdem illustriert und visualisiert er und zeichnet Landkarten.

Von Kanälen und Volkshelden

«Mendez liess die Lanze mit dem flatternden roten Wimpel an der Spitze auf seinem Steigbügel ruhen und äusserte nur das eine Wort: „Ometepe“. Für seine Augen war die Szenerie ein gewohnter Anblick. Den [Nord] Amerikanern aber erschien sie wie eine verwunschenes Traumbild. Der Nicaragua-See lag in seiner Gesamtansicht da und aus ihm stieg, wie Venus aus dem Meer, der hohe und anmutige Kegel Ometepes. Die dunklen Wälder der Tropen bekleideten die Flanken des Vulkans, der unter dem Einfluss des ihn umgebenden weichen Sonnenscheins, zu ruhen schien. Die Form des Berges erzählte dessen Geschichte als wäre sie in einem Buch aufgeschrieben; […]» William Walker

Der Traum vom ‚Gran Canal‘ spaltet Nicaragua. Und er erzählt viel über die Geschichte des ärmsten Landes Zentralamerikas und sein Verhältnis zu den USA und der Welt. [Director’s Cut eines Beitrags in NZZ Geschichte][1]

Wandbemalung an den Ruinen der ehemaligen Zollstation unweit der Grenze zu Costa Rica. An deren Standort ist ein Tourismus-Resort geplant, das auf das grosse Geschäft mit den Kreuzfahrttouristen spekuliert, die dereinst den Nicaraguakanal passieren sollen.

Wer Ometepe mit eigenen Augen gesehen hat, muss William Walker zustimmen: die Insel ist ein Naturwunder. Sie besteht nicht aus bloss einem Vulkan, wie von Walker geschildert. Vielmehr erheben sich zwei perfekt kegelförmige Vulkane aus dem See. Die Vulkankegel wachsen in der Mitte zu einer schmalen, von Lavabrocken übersäten Landbrücke zusammen und bilden so die weltweit grösste vulkanische Insel in einem Süsswassersee. Deshalb ist in der indianischen Mythologie auch nicht von einer anmutig dem See entsteigenden Venus die Rede. Vielmehr handle es sich bei der Insel um die Brüste der unglücklich verliebten Häuptlingstochter Ometepl: eine indianische Version von Shakespeares «Julia», die beim gemeinsamen Selbstmord mit ihrem Liebhaber Nagrando aus ihrem vergossenen Blut den Nicaragua-See schuf.

Und nun sollen vor dieser spektakulären Kulisse bald über 350 Meter lange Superfrachter vorbeiziehen? Geht es nach den Plänen der nicaraguanischen Regierung um Daniel Ortega ist der Nicaragua-See Teil einer künftigen interozeanischen Wasserstrasse.

Ein Traum von Arbeitsplätzen, Devisenflüssen und dem Glanz geostrategischer Relevanz

Der «Gran Canal de Nicaragua » soll nicht nur die Wirtschaftsleistung des nach Haiti zweitärmsten Landes der westlichen Hemisphäre verdoppeln. Mit ihm soll auch ein alter Traum Nicaraguas in Erfüllung gehen. Ein Traum von Arbeitsplätzen, Devisenflüssen und dem Glanz geostrategischer Relevanz, der vor gut hundert Jahren mit der Eröffnung des Panama-Kanals in weite Ferne entrückt ist.

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