Von Kanälen und Volkshelden

«Mendez liess die Lanze mit dem flatternden roten Wimpel an der Spitze auf seinem Steigbügel ruhen und äusserte nur das eine Wort: „Ometepe“. Für seine Augen war die Szenerie ein gewohnter Anblick. Den [Nord] Amerikanern aber erschien sie wie eine verwunschenes Traumbild. Der Nicaragua-See lag in seiner Gesamtansicht da und aus ihm stieg, wie Venus aus dem Meer, der hohe und anmutige Kegel Ometepes. Die dunklen Wälder der Tropen bekleideten die Flanken des Vulkans, der unter dem Einfluss des ihn umgebenden weichen Sonnenscheins, zu ruhen schien. Die Form des Berges erzählte dessen Geschichte als wäre sie in einem Buch aufgeschrieben; […]» William Walker

Der Traum vom ‚Gran Canal‘ spaltet Nicaragua. Und er erzählt viel über die Geschichte des ärmsten Landes Zentralamerikas und sein Verhältnis zu den USA und der Welt. [Director’s Cut eines Beitrags in NZZ Geschichte][1]

Wandbemalung an den Ruinen der ehemaligen Zollstation unweit der Grenze zu Costa Rica. An deren Standort ist ein Tourismus-Resort geplant, das auf das grosse Geschäft mit den Kreuzfahrttouristen spekuliert, die dereinst den Nicaraguakanal passieren sollen.

Wer Ometepe mit eigenen Augen gesehen hat, muss William Walker zustimmen: die Insel ist ein Naturwunder. Sie besteht nicht aus bloss einem Vulkan, wie von Walker geschildert. Vielmehr erheben sich zwei perfekt kegelförmige Vulkane aus dem See. Die Vulkankegel wachsen in der Mitte zu einer schmalen, von Lavabrocken übersäten Landbrücke zusammen und bilden so die weltweit grösste vulkanische Insel in einem Süsswassersee. Deshalb ist in der indianischen Mythologie auch nicht von einer anmutig dem See entsteigenden Venus die Rede. Vielmehr handle es sich bei der Insel um die Brüste der unglücklich verliebten Häuptlingstochter Ometepl: eine indianische Version von Shakespeares «Julia», die beim gemeinsamen Selbstmord mit ihrem Liebhaber Nagrando aus ihrem vergossenen Blut den Nicaragua-See schuf.

Und nun sollen vor dieser spektakulären Kulisse bald über 350 Meter lange Superfrachter vorbeiziehen? Geht es nach den Plänen der nicaraguanischen Regierung um Daniel Ortega ist der Nicaragua-See Teil einer künftigen interozeanischen Wasserstrasse.

Ein Traum von Arbeitsplätzen, Devisenflüssen und dem Glanz geostrategischer Relevanz

Der «Gran Canal de Nicaragua » soll nicht nur die Wirtschaftsleistung des nach Haiti zweitärmsten Landes der westlichen Hemisphäre verdoppeln. Mit ihm soll auch ein alter Traum Nicaraguas in Erfüllung gehen. Ein Traum von Arbeitsplätzen, Devisenflüssen und dem Glanz geostrategischer Relevanz, der vor gut hundert Jahren mit der Eröffnung des Panama-Kanals in weite Ferne entrückt ist.


Bereits die spanischen Conquistadores spielten mit dem Gedanken, eine Schifffahrtsstrasse durch die schmale Landbrücke Zentralamerikas zu schlagen. Als ein solcher Kanalbau dank der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert in den Bereich des Machbaren rückte, sah es lange danach aus, dass Nicaragua als Standort für eine interozeanische Verbindung ausgewählt würde. Über den schiffbaren Rio San Juan und den Nicaragua- See, dessen Wasserspiegel nur 30 Meter über Meer liegt, konnte der grösste Teil des Isthmus bereits mühelos durchquert werden. Die verbleibende Landbrücke ist nur noch 20 Kilometer breit. Dennoch steht heute das bekannteste – und berüchtigtste – Geschäftsviertel Mittelamerikas mit den glänzendsten Wolkenkratzern nicht in Nicaraguas Hauptstadt Managua, sondern in Panama-City.

Historisches Kanalprojekt aus dem 19. Jahrhundert

Nachdem der Gesetzesentwurf für den Bau des neuen «Gran Canal de Nicaragua» 2012 ohne nennenswerte Debatte durchs Parlament gepeitscht wurde, erhielt ein undurchsichtiges chinesisches Konsortium namens HKND rund um den mysteriösen Telekom-Milliardär Wang Jing den Zuschlag für den Bau. 2014 erfolgte der offizielle Spatenstich für das 50-Milliarden-Projekt das ursprünglich bis 2019 fertiggestellt werden sollte.

Statt Baumaschinen: Rinder

Kaum vorstellbar, dass hier bald eines der ambitioniertesten Bauprojekte der Welt in Angriff genommen werden soll.

Seither sind die Bauarbeiten kaum vorangeschritten. Statt auf Lastwagen, die Aushub abführen, trifft man auf dem Weg nach Brito, wo dereinst die Westeinfahrt des Kanals zu liegen kommen soll, auf mit Kochbananen beladene Ochsenkarren. Statt auf lärmige Baumaschinen auf ruhig wiederkäuende Rinder. Der schmale Pfad durch Buschwerk und Mangroven ist selbst mit Geländewagen nur schwer passierbar. Schliesslich verläuft er sich im Sand, der Blick öffnet sich auf das breite Mündungsdelta des Rio Brito. An eine wuchtige Landspitze, die das Mündungsgebiet säumt, schmiegen sich die zusammengezimmerten Hütten des ärmlichen Fischerdorfs Brito. Kaum vorstellbar, dass hier bald eines der ambitioniertesten Bauprojekte der Welt in Angriff genommen werden soll.

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Mündungsdelta des Rio Brito und Wellblechhütten des gleichnamigen Dorfes

Und doch ahnen die Anwohner – die meisten unter ihnen verdienen ihren Lebensunterhalt als Fischer, die bis zur Hüfte im Meer stehend, mit einer Leine in der Hand auf ihren Fang warten –, dass es ernst sein könnte. In den letzten Monaten hätten die Chinos vermehrt Sondierungen vorgenommen und Land für Strassenerweiterungen erworben. Stecken hinter dem Kanalprojekt doch mehr als ‚cuentas chinas‘, Lügengeschichten?

In letzter Zeit hatten sich die Stimmen gemehrt, die angesichts der Verzögerungen die Ernsthaftigkeit des Vorhabens anzweifelten. Ist Investor Jing bloss ein Strohmann für die chinesische Regierung? Ist der Kanalbau im einstmaligen «Hinterhof» US-Amerikas für die Chinesen kein konkreter Plan, sondern eher ein geopolitisches Ass im Ärmel? Eine Investition für den Fall, dass die aufstrebende Weltmacht dereinst eine Alternative zum Panamakanal benötigt? Schliesslich behalten sich die USA bis heute ihr Interventionsrecht in der Kanalzone vor um sie im Konfliktfall jederzeit sperren zu können. Muss sich der Ortega-Clan – Präsidentensohn Laureano amtet als «Kanal-Beauftragter», Ortegas Ehefrau seit Anfang 2017 als Vizepräsidentin – den Ausverkauf seines Vaterlands vorwerfen lassen? Schliesslich erhält die HKND weitgehende Kompetenzen, die bis hin zur Bestimmung von Land- Enteignungen reichen. Und der Vertrag gewährt ihr das Recht, «Subprojekte» umzusetzen, selbst wenn sie den eigentlichen Kanalbau nie vollenden sollte. Vorgesehen sind bislang neben zwei Tiefseehäfen und einer Freihandelszone auch Touristenressorts und ein internationaler Flughafen.

Ein folgenschweres Projekt Soziale und ökologische Konsequenzen

Auch sonst steht das Projekt unter scharfer Kritik. Naturwissenschaftler befürchten ein ökologisches Desaster für den grössten Binnensee Mittelamerikas, in dem sich noch seltene, ans Süsswasser angepasste Bullenhaie tummeln. Die Verschmutzungen durch die Grabungsarbeiten für die mehr als 27 Meter tiefe Fahrrinne im durchschnittlich bloss 15 Meter tiefen See und der intensive Schifffahrtsbetrieb könnten das Ökosystem zum Kippen bringen. Auch die weitere Umgebung des grössten Süsswasser-Reservoirs Zentralamerikas würde vom Mega-Projekt in Mitleidenschaft gezogen: ein wichtiger Wildtierkorridor würde durchtrennt, grosse Flächen primären Regenwalds unwiederbringlich zerstört.

Während eine Mehrheit der Nicaraguaner dessen ungeachtet am Traum vom Gran Canal festhält, protestieren die betroffenen Anwohner. Schätzungen zufolge leben mehr als 100 000 Menschen auf dem Gebiet des geplanten Kanals, darunter auch viele indigene Gruppen. Nicht nur sehen sie durch die ökologischen Risiken ihre Lebensgrundlage bedroht. Vor allem fehlt ihnen die Perspektive für einen Neuanfang anderswo (). Sie befürchten im Enteignungsfall Verluste, da der in Aussicht gestellte Katasterwert dem Marktwert ihrer Grundstücke nicht entspreche. Ausserdem sind die Grundstücke oftmals kaum juristisch abgesichert. Wie zum Beispiel im Falle von Britos Fischern: sie waren eines Tages hierhergekommen, bauten sich eine Hütte und blieben, ohne dass sie ihre Landnahme je beim Katasteramt eingetragen hätten. Im Enteignungsfall hätten sie daher denkbar schlechte Karten, wenn sie eine Entschädigung einklagen müssten.

Rafael Bermudez, ein Campesino und ehemaliger sandinistischer Guerillero redet sich in einer Reportage von Dezember 2017 über das Kanal-Projekt der heutigen sandinistischen Regierung in Rage „Einen Kanal wird es hier nicht geben, was hier stattfindet ist die Enteignung von Land an uns Bauern“. [via https://www.laprensa.com.ni/2017/12/21/nacionales/2349934-canal-no-hay-lo-que-hay-es-expropiacion-de-tierras-segun-campesinos]

Etwas anders liegt der Fall bei registriertem Grundbesitz, wie etwa bei der Finca Miramar, ganz in der Nähe von Brito. Der Viehzuchtbetrieb gehörte einst zum immensen Grundbesitz, den die Somozas in den Jahrzehnten ihrer Herrschaft seit 1934 angehäuft hatten. 1979 wurde der Diktatoren-Clan von der sandinistischen Befreiungsfront FSLN – unter anderem angeführt vom damaligen «Commandante» Daniel Ortega – entmachtet und aus dem Land vertrieben. Die Finca Miramar ging an eine Landwirtschaftskooperative.

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Walkers Ziel: «Grundbesitz des Landes in die Hand der weissen Rasse zu verschieben.»

In der Zeit vor der Konkretisierung des Kanal-Projekts, das den Wert des über 800 Hektaren umfassenden Weidelands um ein Vielfaches steigern dürfte, hat die Finca dann mehrmals den Besitzer gewechselt. In die undurchsichtigen Handwechsel involviert ist gemäss Recherchen der nicaraguanischen Wochenzeitung Confidencial auch eine mutmassliche Tarnfirma. Eine Firma, die auch Geschäfte verwalte, an denen die Regierungspartei und die Präsidentenfamilie um Daniel Ortega beteiligt seien.

Beitrag über die Handwechsel der Finca Miramar. [Quelle: Confidencial via Youtube]

Das Kataster benutzte vor 160 Jahren auch William Walker als Hebel zur Bereicherung – und zur Rassenpolitik. 1856 hatte er die Wirren des nicaraguanischen Bürgerkriegs ausgenutzt, um durch geschicktes Taktieren und dank einer guten Portion Glück die Herrschaft über Nicaragua an sich zu reissen. Neben der Wiedereinführung der Sklaverei war eine seiner wichtigsten Massnahmen die Gesetzesrevision über den Grundstückbesitz. Über diese berichtete der Präsident freimütig, dass sie zum Ziel hatte «einen grossen Teil des Grundbesitzes des Landes in die Hand der weissen Rasse zu verschieben.» Er schrieb: «Das System war fatal für schlechte oder unsichere Landtitel. Und es gab jenen einen Vorteil, die mit dem Vorgehen des Katastereintrags vertraut waren.»

Die Stunde der Filibuster

Der 1824 in eine wohlhabende Familie aus Nashville geborene William Walker war der bekannteste Vertreter der sogenannten Filibuster- Bewegung der 1840er und 50er Jahre. Als Filibuster – der Begriff ist an die französische Bezeichnung für Freibeuter angelehnt – bezeichnete man US-amerikanische Privatleute, die auf eigene Rechnung militärisch in andere Länder einmarschierten, um es zu Geld und Macht zu bringen und neue Gebiete für die USA zu erobern. Um das Filibuster-Phänomen zu verstehen, müssen wir uns vor Augen halten, dass die USA zu diesem Zeitpunkt eine junge, rasch wachsende Nation war. Der verbreiteten, von Präsident Andrew Jackson geprägten Manifest-Destiny- Doktrin zu Folge war es die Bestimmung der USA, den anderen Völkern des Kontinents Freiheit, Fortschritt und Zivilisation zu bringen und dabei ihre Grenze weiter und weiter zu verrücken – nach Westen, aber auch nach Süden. Erst gerade 1845 war Texas neu zum Bundesstaat gestossen und nach dem mexikanisch-amerikanischen Krieg hatte Mexiko 1848 weite Gebiete der späteren Teilstaaten Nevada, Arizona, Utah, Kalifornien und New Mexico an die USA abgetreten.

In Walkers Weltbild hatten sich die verschiedenen menschlichen «Rassen» in eine divine economy, einen göttlichen Plan der Arbeitseinteilung, einzugliedern.

Die Amerikaner dieser Zeitperiode wussten noch nicht, wie der finale Grenzverlauf ihres Landes zu liegen kommen würde. Und so glaubten viele, dass sich die USA eines Tages auch auf Teile Zentralamerikas ausdehnen könnte. Treibende Kraft hinter der Manifest-Destiny- Idee war für die einen ein missionarischer Drang: die von Militärregimen dominierten, katholischen Staatsgebilde, die seit ihrer Unabhängigkeit von der Spanischen Krone 1821 nicht zur Ruhe gekommen waren, sollte durch die amerikanische Demokratie und den Protestantismus befriedet werden. Andere, vor allem Südstaatler wie Walker, strebten eher danach, neue Räume für ihre Sklavenhaltergesellschaft zu erschliessen – und damit auch das Gewicht des Südens im sich verschärfenden Konflikt zwischen Nord und Südstaaten zu erhöhen. Auch sie speisten ihre Motivation aus einem geradezu religiösen Eifer und einem Bewusstsein der Vorsehung. In Walkers Weltbild hatten sich die verschiedenen menschlichen «Rassen» in eine divine economy, einen göttlichen Plan der Arbeitseinteilung, einzugliedern. Nur so sei wirtschaftlicher Erfolg und Fortschritt möglich. Zentralamerikas Problem war nach Walker, dass Spanien Zentralamerika mit «zu wenig Sklaverei zurückgelassen [hatte], als dass es seine soziale Ordnung hätte wahren können. Statt die Reinheit der Rassen wie die Engländer in der Besiedelung ihrer Kolonien zu erhalten, hatten die Spanier ihre Besitztümer auf dem amerikanischen Kontinent mit einer vermischten Rasse verflucht.» Um Zentralamerika zu «regenerieren», sei deshalb die klare Ordnung der Sklaverei wieder einzuführen: «Mit dem Neger-Sklaven als sein Gefährte würde der Weisse Mann mit dem Boden verwurzelt ; und zusammen würden sie die Macht der vermischten Rasse brechen, die der Fluch und das Verderbnis des Landes ist.» So schaffte es William Walker, kruden Rassismus zur göttlichen Vorsehung zu veredeln und seinen Eroberungszug zu einer humanitären Mission umzudeuten.

Zweite Schlacht von Rivas vom 11. April 1856. Walkers Filibusterarmee wurde in dieser entscheidenden Auseinandersetzung von einer costaricanischen Miliz unter der Führun Rafael Moras geschlagen. Dabei wurde der junge costaricanischer Trommler Juan Santamaria zum Volkshelden, indem er sich als eine Art zentralamerikanischer Winkelried freiwillig für die Mission meldete, an Walkers Verteidigungsstellung Feuer zu legen. Er war dabei erfolgreich, liess aber im Kugelhagel der Filibuster sein Leben. [Quelle: archive.org

Aber weshalb hatte sich Walker für seinen Feldzug ausgerechnet Nicaragua ausgesucht? Nicht nur schien das durch einen anhaltenden Bürgerkrieg zwischen den konkurrenzierenden Städten León und Granada zerrüttete Land ein leichtes Übernahmeopfer zu sein. Durch Nicaragua führte damals auch die kürzeste und günstigste Verbindung zwischen der Ost- und der Westküste der USA. Und diese Verbindung war äusserst profitabel, besonders, seit 1849 in Kalifornien Gold gefunden wurde und der darauf losbrechende Goldrausch jährlich Zehntausende Glücksritter über den amerikanischen Isthmus schleuste.

Die Route durch Nicaragua führte vom Karibikhafen Greytown per Dampfboot den Rio San Juan aufwärts in den Nicaragua-See, an der Isla de Ometepe vorbei bis nach Rivas. Dort stiegen die Reisenden in Postkutschen um, und legten so den Landweg von weniger als dreissig Kilometern an den Pazifikhafen von San Juan del Sur zurück. Diese Route war für die noch von unwirtlichen Prärien und Indianerterritorien zweigeteilten USA eine wichtige Lebensader. Derart wichtig, dass die US-Navy 1854 sogar Greytown bombardierte, als die Stadtautoritäten von der Betreiberfirma Accessory Transit Company (ATC) die Räumung ihrer Geschäftsräume verlangte.

«Gentlemen: Sie haben es gewagt, mich zu betrügen. Ich werde Sie nicht verklagen, denn das Gesetz ist zu langsam. Ich werde Sie ruinieren. Hochachtungsvoll, Cornelius Vanderbilt.»

Die ATC war ursprünglich unter dem Namen «American Atlantic and Pacific Ship Canal Company» vom steinreichen Reeder und Eisenbahn-Tycoon Cornelius Vanderbilt gegründet worden. Zusammen mit der Konzession für die Transitroute durch Nicaragua hatte sich Vanderbilt bis 1861 auch das Exklusivrecht für den Bau eines interozeanischen Kanals gesichert. Aufgrund der politischen Unruhen – und weil die bestehende Route einstweilen lukrativ genug war – hatte Vanderbilt den Kanalbau allerdings auf Eis gelegt. Da Vanderbilt sich von den Filibustern eine politische Stabilisierung des Landes erhoffte, die einen Kanalbau unter amerikanischer Ägide vereinfacht hätte, hatte er Walker zunächst unterstützt. Walker kümmerte das wenig. Kaum an den Hebeln der Macht, paktierte er mit den Sachverwaltern der ATC, Cornelius K. Garrison und Charles Morgan. Unter dem Vorwand einer Konzessionsverletzung – die ATC, so der Vorwurf, habe keinerlei Anstalten gemacht, wie vereinbart einen Kanal zu bauen – beschlagnahmte er sämtliche Schiffe der ATC. Diese übertrug er samt Konzession einer neuen Firma, die Garrison und Morgan gehörte. Letztere wiederum unterstützten im Gegenzug Walkers militärische Pläne finanziell und logistisch.

Auf diesen Verrat hin schrieb Vanderbilt an seine ehemaligen Geschäftspartner nur diese Worte: «Gentlemen: Sie haben es gewagt, mich zu betrügen. Ich werde Sie nicht verklagen, denn das Gesetz ist zu langsam. Ich werde Sie ruinieren. Hochachtungsvoll, Cornelius Vanderbilt.» Er fackelte nicht lange. Vanderbilt gründete ein neues Unternehmen, das eine Transitroute über Panama betrieb – zu Dumpingpreisen, um Morgan und Garrison aus dem Markt zu drängen. Gleichzeitig schnitt er Walker von seinen Nachschublinien ab. Den Ozeandampfern seiner Reederei verbot er, Passagiere von und nach Nicaragua aufzunehmen. Damit erschwerte er Walker die Rekrutierung von ausländischen Söldnern, die in vollem Gang war. In einer Zeit, in der der Goldrausch an Dynamik verlor, wurde der Feldzug in Nicaragua zu einer interessanten Alternative für Glücksritter. So war Walkers Truppe mittlerweile auf eine Stärke von mehreren tausend Mann angewachsen. Dennoch benötigte er dringend weitere Verstärkung, um es mit den Truppen der zentralamerikanischen Nachbarstaaten aufnehmen zu können. Diese hatten inzwischen eine Militär-Koalition gegründet und den Filibusteros den Krieg erklärt. Um Walkers Lebensader durch den Rio San Juan endgültig zu kappen, unterstützte Vanderbilt Costa Rica dabei, die Dampfboote der früheren ACT zu erobern und die Kontrolle über den ganzen Fluss zu gewinnen. Walker war von seinen Nachschüben abgeschnitten, Morgan und Gallison endgültig ruiniert. Walkers Tage als Präsident Nicaraguas waren damit gezählt. Am 1. Mai 1857 ergab er sich und musste mit seinen Männern in die USA zurückkehren.

Volkshelden und Imperialisten

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William walkers Hinrichtung [via http://www.historynet.com/american-schemers-william-walker.htm]
Der Traum von einer baldigen Konkretisierung einer lukrativen Wasserstrasse wanderte in Richtung Süden ab. Die Sehnsucht danach blieb.

Doch ganz geschlagen gab sich Walker nie. Noch zweimal versuchte er, nach Nicaragua zurückzukehren. Beim zweiten Versuch wurde er in Honduras festgenommen und am 12. September 1860 – erst 36-jährig – hingerichtet.

Vanderbilts Triumph im Wirtschaftskrieg gegen seine ehemaligen Geschäftspartner war indessen ein Pyrrhussieg. Er schaffte es nicht, seine Transitroute durch den Nicaragua-See wieder zu eröffnen. Und so wurde auch nichts aus seinen Bauplänen für einen Kanal. Damit geriet Nicaragua als Land des Grossen Kanals gegenüber Panama langsam aber sicher ins Hintertreffen. Der Traum von einer baldigen Konkretisierung einer lukrativen Wasserstrasse wanderte in Richtung Süden ab. Die Sehnsucht danach blieb. Und sie konnte von Daniel Ortega und seinen chinesischen Partnern wieder geweckt werden.

In den USA galt William Walker als Volksheld. Zeitungen berichteten breit über seine Kampagne, und ihre Leserschaft begeisterte sich für die von den Filibustern verfassten Kriegsberichte. Walker wurde nicht nur im heimatlichen Süden gefeiert, sondern auch in den an sich sklaverei-kritischen Nordstaaten. Als er nach seiner Aktion in Nicaragua New York besuchte, wurde zu seinen Ehren der Broadway mit Fahnen und Rundbögen voller Rosen geschmückt.

Während der Panama-Kanal als Sinnbild für das 20. Jahrhundert als American Century gelten kann, wird der Nicaragua-Kanal vielleicht zum Symbol der neuen multilateralen Weltordnung des 21. Jahrhunderts.

Heute ist Walker selbst in den Südstaaten in Vergessenheit geraten. In Zentralamerika hingegen wird die Erinnerung an den Krieg gegen die Filibusteros bis heute wach gehalten. Walker fungiert hier als Sinnbild für den US-Imperialismus.Besonders in Nicaragua, das die Hinterhofpolitik der USA noch in den 1980er Jahren schmerzhaft zu spüren bekam. Indem die CIA die für ihre Brutalität berüchtigten anti-sandinistischen «Contra»- Truppen in illegaler Weise unterstützten, befeuerte sie einen jahrelangen Bürgerkrieg, der rund 60 000 Menschen das Leben kostete.

So gesehen könnte man Daniel Ortegas Kanalprojekt als Kampf gegen zwei nationale Komplexe betrachten. Es ist der Versuch, den verlorenen Traum von Prosperität und nationaler Grösse endlich zu verwirklichen. Und es ist eine Möglichkeit, dem grossen Hegemon aus dem Norden ein Schnippchen zu schlagen und sich gleichzeitig, dank den neuen starken Freunden, vor ihm zu schützen.

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Daniel Ortega auf dem Cover des Time-Magazines vom 31. März 1986. Wenige Monate später wurde mit der Iran-Contra-Affäre, die illegale Einmischung der CIA in den Bürgerkrieg in Nicaragua publik.

Aber wiederholt er damit nicht einen Teil der Geschichte seines Landes, wenn auch mit anderen Abhängigkeiten? Verrät der einstige sandinistische Volksheld damit nicht die Ideale seiner Revolution? Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sich hier einmal mehr das für Zentralamerika so typische historische Muster abspielt. Die Bevölkerung, die Umwelt und die Wirtschaft des Landes sind nicht viel mehr als ein Spielball zwischen ausländischen Wirtschaftsinteressen, geopolitischen Winkelzügen und undurchsichtigen Entscheidungen einer Regierung, die mehr und mehr autokratische Züge zu tragen beginnt. Während der Panama-Kanal als Sinnbild für das 20. Jahrhundert als American Century gelten kann, wird der Nicaragua-Kanal vielleicht zum Symbol der neuen multilateralen Weltordnung des 21. Jahrhunderts. Wenn er denn je gebaut wird. Inzwischen fliesst der Rio Brito von Staustufen ungehindert ruhig dem Pazifik zu. Ein Motorradfahrer bringt den Fang von Britos Fischern in einer grossen, verbeulten Kühlbox über den ausgefurchten Dschungelpfad auf den lebhaften Marktplatz von Rivas. Die Totenruhe der schönen Häuptlingstochter Ometepl ist nach wie vor ungestört. Wie lange noch?

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The author

Remo Grolimund ist Historiker, forscht als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der ETH Zürich zur Umwelt- und Wissensgeschichte und publiziert als freier Autor zu Themen mit Schwerpunkt Schweizer Geschichte, Geschichte der Gegenwart und Public History. Ausserdem illustriert und visualisiert er und zeichnet Landkarten.

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